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Da hab ich mir gesagt: "Das kann doch nicht angehen!"

Interview mit Branchensekretär Pascal Lechner

Pascal Lechner (Foto: IG BAU).
Pascal Lechner, Branchensekretär für den "Grünen Bereich" in der Region Nord (Foto: IG BAU).
13.06.2022
Nachrichten

Schon zum zweiten Mal hat es Pascal Lechner zur IG BAU Hamburg verschlagen. Im Interview mit www.igbau-hamburg.de verrät der gelernte Winzer unter anderem, was ihn in die Gewerkschaft gebracht hat - und wovon Forstleute oft mehr Ahnung haben, als die Politik. 

igbau-hamburg.de: Pascal, wie bist Du zur Gewerkschaft gekommen?

Pascal Lechner: Ich komme ursprünglich aus Norddeutschland und hab hier auch ein Studium angefangen. Nach kurzer Zeit an der Uni bin ich dann an die Mosel gezogen, um den Beruf des Winzers zu lernen. Nach meiner Ausbildung habe ich gesehen, dass viele Kollegen für sechs, sieben Euro die Stunde arbeiten gegangen sind und mir gesagt: Das kann doch nicht angehen! Daraufhin bin ich in die IG BAU eingetreten - zunächst um mich in der jungenBAU zu engagieren.

igbau-hamburg.de: Und der Schritt ins Hauptamt?

Pascal Lechner: Irgendwann kam der stellvertretende Regionalleiter meines damaligen Bezirksverbands auf mich zu und meinte: "Wir brauchen immer engagierte Leute" - und nach kurzer Bedenkzeit habe ich die Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär begonnen. In dieser Zeit auch das erste Mal bei der IG BAU Hamburg ...

igbau-hamburg.de: ... und bist anschließend zur IG Metall gegangen.

Pascal Lechner: Ja (lacht) - für zweieinhalb Jahre. Letzten Sommer bin ich dann zurück zur IG BAU in die Region Nord und betreue seitdem den grünen Bereich hier vor Ort.

igbau-hamburg.de: ... der in einigen Branchen ziemlich schwer zu organisieren ist.

Pascal Lechner: In vielen Bereichen sind wir von Klein- und Kleinstbetrieben mit oft nur wenigen Beschäftigten geprägt. Da gilt teilweise nicht mal der Kündigungsschutz und es wird nur Mindestlohn gezahlt! Da braucht es schon Mut, sich gerade zu machen - und es ist manchmal nicht leicht, den nötigen Druck aufzubauen, um Dinge zu verändern. 

igbau-hamburg.de: Und doch gab es zuletzt mehrere positive Tarifabschlüsse ....

Pascal Lechner: Ja. Wir haben viele Tarifverträge: Forst, GaLa-Bau, Landwirtschaft, bei den Gärtner*innen. In der Landwirtschaft ist es zuletzt ganz gut gelaufen - auch weil der bundesweite Mindestlohn gestiegen ist und die Arbeitgeber keine Leute mehr kriegen. Auch im Forst und im GaLa-Bau sind die Abschlüsse nicht ganz verkehrt, allerdings wird der Erfolg inzwischen durch die hohe Inflation relativiert.

Pascal Lechner am 1. Mai in Hamburg (Foto: Harning).
Pascal Lechner am 1. Mai in Hamburg (Foto: Harning).

igbau-hamburg.de: Gibt es auch Fortschritte in Sachen Bereitschafts- und Wegezeiten beim Tarifvertrag GaLa-Bau?

Pascal Lechner: Da sind wir ebenso dran, wie am Thema Freistellungen für berufsständische Tätigkeiten - etwa beim Prüfungswesen - oder an der Frage der Entgeltumwandlung in Freizeit. In der letzten Tarifrunde haben wir die Bildung von Arbeitsgruppen durchgesetzt, um diese Themen mit den Arbeitgebern für die nächsten Verhandlungen vorzubereiten. 

igbau-hamburg.de: Wie sind die Betriebsratswahlen in Deinen Branchen verlaufen?

Pascal Lechner: Soweit ich das überblicke, konnten in allen größeren Betrieben, in denen wir aktive Mitglieder haben, auch wieder Betriebsräte gewählt werden. Aber wie gesagt: das ist ein sehr kleinteiliger Bereich, selbst größere Betriebe haben oft nur 30 oder 40 Beschäftigte.

igbau-hamburg.de: Wie ist der grüne Bereich in Hamburg insgesamt aufgestellt, was sind Deine nächsten Baustellen und Ziele?

Pascal Lechner: Zunächst einmal ist der grüne Bereich auf dem Land etwas anderes, als in der Stadt - etwa in Hamburg. Hier viel Landwirtschaft und Forst - da vor allem Gartenbau und Floristik. Ich bin ja für die gesamte Region Nord zuständig, also für die Kolleg*innen in Hamburg, Schleswig-Holstein und MV. Meine größte und schönste Baustelle in Hamburg ist zurzeit der Tierpark Hagenbeck (mehr Infos dazu hier und hier, d. Red.). Da ist richtig Leidenschaft vorhanden und es gibt viele Beschäftigte, die mitziehen. Man befruchtet sich praktisch gegenseitig, da können wir dann hoffentlich auch Haustarife verhandeln. Im GaLa-Bau haben wir eine aktive Fachgruppe, die auch zwei Mitglieder in die Bundesfachgruppe entsendet. Das ist erstmal eine wichtige Struktur, die wir noch weiter öffnen möchten!

Pascal Lechner auf der diesjährigen Mai-Demonstration im Kreise von Beschäftigten des Tierparks Hagenbeck (Foto: Harning).
Pascal Lechner auf der diesjährigen Mai-Demonstration im Kreise von Beschäftigten des Tierparks Hagenbeck (Foto: Harning).

igbau-hamburg.de: Die Themen Klimawandel und Klimaschutz werden in den von Dir betreuten Branchen immer drängender, insbesondere in der Forstwirtschaft. Hast Du das Gefühl, dass die Dramatik der Situation auch in der gesamten IG BAU angekommen ist?

Pascal Lechner: In der IG BAU als Ganzes wird der Klimawandel noch nicht so intensiv diskutiert, wie in den Branchen des Grünen Bereichs. Der oder die durchschnittliche Forstbeschäftigte hat oft mehr Ahnung von Natur- und Klimaschutz, als so manche/r Politiker/in. Beispiel Schleswig-Holstein: Während aus einigen Parteien einerseits Forderungen kommen, den Wald stillzulegen, also nicht mehr zu bewirtschaften, gleichzeitig aber Holz als Baustoff der Zukunft und natürlichen CO2-Speicher anzusehen - was irgendwie nicht zusammengeht - haben Forstwirte schlüssige Konzepte, eine nachhaltige Waldnutzung zu realisieren. Also nicht ein paar tausend Quadratmeter Fichten zu pflanzen und die in 70 Jahren wieder rauszuholen, sondern immer nur einen Teil: Nachhaltige Entnahme von Holz im Dauerwald - ohne Kahlschläge bei der Holzernte!

igbau-hamburg.de: Aber das ist wahrscheinlich arbeitsintensiver - und teurer?

Pascal Lechner: Richtig. Auch darum ist das Thema Holz zur Zeit sehr aufgeladen - und die Forstleute sind beständig wachsenden Anforderungen ausgesetzt, die durch zu geringe Personalbemessung häufig nicht umgesetzt werden können. 

igbau-hamburg.de: Pascal, danke für das Gespräch!

 

Das Interview führte Olaf Harning.