Redner "Cirka" von der Jungen BAU mit erhobener linker Faust am Rednerpult des Gewerkschaftstages
Hauchte dem Saal des Kongress-Palais Leben ein: "Cirka" von der Jungen BAU (Foto: Harning).
30.09.2022
Nachrichten

Mit einer emotionalen Rede hat der Junge-BAU-Kollege „Cirka“ den zweiten Sitzungstag des Gewerkschaftstags in Kassel gerockt. Selbst das sonst eher nüchterne Protokoll des Kongresses verzeichnete „anhaltenden Beifall“, nachdem Cirka über Verteilungs(un)gerechtigkeit, Klimakrise, queere Vielfalt und die Herausforderungen für die IG BAU in all diesen Themen gesprochen hatte. 

 

Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut der Rede ...

Guten Tag, liebe Anwesende! Verehrte Delegierte! Liebes Hauptamt! Geehrte Gäste! Mein Name ist Cirka, und ich komme zu Euch von der Jungen BAU. Wie Ihr bereits gehört habt, spreche ich heute einige Themen an, die der Jugend ganz besonders am Herzen liegen und die unserer Meinung nach bisher zu kurz gekommen sind.

Wie bereits vom Präsidium gesagt, liegt das Durchschnittsalter der Delegierten bei ungefähr 55 Jahren, und das auf einem Kongress, dessen Thema „Auftrag Zukunft“ ist. Ehrlich gesagt schockiert mich das. Es macht mir Angst um die Zukunft dieser Gewerkschaft. Wie sollen wir unserem Auftrag gerecht werden, die Arbeit der kommenden Generationen in gute und lebenswerte Bahnen zu lenken, wenn dieses Plenum in zehn Jahren in Rente geht? Wie konnte es dazu kommen? Wie haben wir das passieren lassen können? Und vor allem: Wie können wir das ändern.

Bitte nehmt diese Fragen ernst und versucht, sie für Euch selbst zu beantworten. Vergesst sie in den nächsten vier Jahren nicht: Wie kann ich das ändern? Hätte ich meinen Platz hier einer jüngeren Kollegin oder Kollegen abgeben können? Wurde die Junge BAU in meinem Bezirk gefragt, ob sie herkommen möchte? Auf wie viele junge Kolleg*innen bin ich im Betrieb in letzter Zeit zugegangen? Nur wenn wir uns diese Fragen beantworten können, schaffen wir es in eine erfolgreiche Zukunft, eine Zukunft, die nach Auffassung der jungen BAU nur vielfältig, divers, queer und feministisch sein kann. Unsere Branchen und unsere Gesellschaft sind in einem rapiden Wandel. Wir müssen diesen Wandel mitmachen und mitgestalten.
Die Zukunft ist schwul und lesbisch und transgender und auch hetero. Aber es ist an der Zeit, diese Zukunft der Vielfalt nicht nur zu sehen, sondern sie mit offenen Armen zu empfangen (Beifall).

Zwei junge Gewerkschafterinnen mit einem Transparent auf der Bühne. Darauf abgebildet u.a. ein Haufen Scheiße und der Slogan: Sparen an der Jugend heißt, dass man auf die Zukunft scheißt.
Unterstützt wurde der Redner zunächst von zwei Mitgliedern der Jungen BAU ...

Wir müssen uns der mehrfachen Un- terdrückungen in der Gesellschaft bewusst werden. Ein schwuler, schwarzer Mann hat es auf dem Bau doppelt schwerer als ein weißer Mann, der nur schwul ist. Diese Probleme, die das Arbeitsleben ganz massiv beeinflussen, gilt es mitzudenken und in der Gewerkschaft zu thematisieren.

Queer sein, das heißt, nicht hetero zu sein oder nicht dem Geschlecht anzugehören, in dem man scheinbar geboren ist, hat einen großen Einfluss auf den Lohn, und dieser sinkt, je weiter man sich von dem wegbewegt, was die Gesellschaft als normal vorgegeben hat. Lasst uns das gemeinsam ändern. (Beifall) Wieso sind die Gebäudereiniger*innen eigentlich so viele Frauen? (Zuruf: Weil es schon immer so war!) Wieso wird dieser Beruf so wenig wertgeschätzt? Oder hängt das vielleicht sogar zusammen? Und wieso ist das meiner Erfahrung nach eine unserer am besten organisierten Branchen? 

Die Antworten auf diese Fragen müssen uns in eine vielfäl- tigere Zukunft bringen. Wir brauchen einen neuen Schulterschuss innerhalb der IG BAU und können hier von den Frauen in allen Branchen nur lernen (Beifall). Deshalb fordern wir: Hört Frauen zu. Setzt Frauen in Eure Ämter ein. Besetzt Spitzen paritätisch. Besonders inner- halb unserer Branchen und natürlich auch bei uns in der Gewerkschaft gibt es Sexismus, von dummen Sprüchen bis hin zu sexualisierter Gewalt. Dieser müssen wir vereint gegenüberstehen, indem wir Frauen zuhören und ihnen glauben, wenn sie uns von ihren Erfahrungen erzählen. Eine Parteilichkeit den Betroffenen gegenüber ist hier unerlässlich (Beifall).

Wir müssen uns hier gegenseitig mehr bilden und unseren Fokus darauf legen, unsere Gewerkschaft weltoffen zu gestalten. Nicht nur Geschlechtergerechtigkeit, sondern auch Rassismus muss zu einem Thema werden, das wir offen behandeln. Nur so finden wir wieder Anschluss ans Proletariat.

ca. 20 junge Gewerkschafter*innen auf der Bühne des Gewerkschaftstages. Alle tragen schwarze T-Shirts mit Slogans in weißer Schrift. Zwischen ihnen ein Transparent mit der Aufschrift "Sparen an der Jugend heißt, dass man auf die Zukunft scheißt."
... zum Ende der Rede kamen dann 25 Mitglieder der Jungen BAU auf die Bühne, um die Forderungen von "Cirka" zu unterstützen.

Das zweite Thema das wir hervorheben wollen, ist die Klimakatastrophe, von schlauen Marketingagenturen der Umweltverbrecher im Arbeitgeberverband und auf der ganzen Welt in „Klima-Wandel“ umbenannt, als ob nicht klar wäre, was gerade passiert, und ob es nicht vielleicht doch etwas Gutes wäre.

Wir möchten hier in aller Deutlichkeit sagen: Es geht um das Überleben der Menschheit und um das gute Leben der kommenden Generationen. Wir wollen die Umweltgesellschaft sein und sind es auch. Da Tiere und Pflanzen jedoch noch keine eigene Mitgliedschaft in unserer Organisation erhalten können, liegt es in unserer Hand, für sie zu kämpfen. Und „kämpfen“ ist hier das richtige Wort; denn die letzten 30 Jahre haben gezeigt, dass wir dem Kapitalismus nichts durch Bitten und Verhandeln abringen können. Die derzeit junge Generation wird den Beginn der schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe erleben. Wir, die wir hier sitzen, sind die letzten Menschen, die es noch in ihrer Gewalt haben, das momentane Ökosystem zu erhalten (Beifall).

Wir, die Branchen und Menschen der IG BAU, sind es, die die Klimakatastrophe abschwächen können. Wir sind es, die den Umbau der Welt gestalten, mit vorantreiben. Wir sind es, die dafür verantwortlich sind, dass die neue, klimagerechte Welt den Arbeiter*innen gehört und nicht den Konzernen, die das Ganze erst verursacht haben (Beifall). Denn entgegen der oft geäußerten Vermutung, die Klimakatastrophe würde Arbeitsplätze kosten, ist es in Wirklichkeit so, dass es mehr Arbeit gibt denn je. Es müssen Windanlagen gebaut werden, Häuser saniert, Zuggleise verlegt, Stromtrassen gezogen und grünere Wege in die Zukunft gefunden werden. Jeder Deich in diesem Land ist zu niedrig. Jede Straße muss fahrradfreundlicher umgebaut werden, und jeder Forst gehört umgewirtschaftet.

Ein Mitglied der Jungen BAU am Rednerpult, um ihn herum weiteren junge Mitglieder.
Mitglieder der Jungen BAU meldeten sich den gesamten Kongress über zu Wort, kämpften für ihre Anträge und stritten für die Förderung des Gewerkschaftsnachwuchses (alle Fotos: Harning).

Wenn wir nicht aufpassen, wird das nur halbgar auf Kosten der Arbeiter*innen und niemals zum sozialen Wohl zu geschehen. Also gilt es zu beachten: Wenn wir Häuser renovieren, darf es nicht passieren, dass wir die Renovierung hinterher mit unseren höheren Mieten auch noch bezahlen. Es braucht eine Reinvestitionspflicht für Vermietende und einen echten bundesweiten Mietendeckel (Beifall). Wenn wir die Schienen verlegt und die Züge gereinigt haben, darf es nicht passieren, dass wir mit unseren überteuerten Tickets die Aktien der Deutschen Bahn finanzieren. Es braucht den kostenlosen ÖPNV und einen Ausbau der ländlichen Infrastruktur (Beifall).

Anstatt den CO2-Ausstoß einzelner Menschen zu betrachten, sollten wir anfangen, den CO2-Fußabdruck von Konzernen unter die Lupe zu nehmen (Beifall). Der Konsum des Einzelnen ist nichts im Vergleich zu dem, was Betonwerke und Kohlekraftwerke ausstoßen. Es muss ganz klar gesagt, dass der Kapitalismus und seine Vertreter uns niemals retten werden; denn ein gesundes Ökosystem bringt kein Geld ein – es kostet nur welches (Beifall).

Während wir als Arbeiter*innen und Steuerzahlende die Kosten der Klimakatastrophe tragen sollen, bekommen unsere Branchen sie auch noch am stärksten zu spüren. Bei der täglichen Arbeit auf dem Dach spüren wir die Hitze. Wenn wir bei Starkregen die Ernte retten müssen und nach dem Waldbrand nach dem Rechten schauen.

Hierbei gilt es, selbstbewusst in die Debatte zu gehen. Ansprechpartner*in und Meinungsführer*in zu sein, muss hier die Aufgabe und Ziel der Gewerkschaft sein (Beifall).
Die Regierungsparteien sind in die Verantwortung zu nehmen. Die Klimakatastrophe wird sich auf die Arbeitsbedingungen aller Menschen ausrichten. Wenn die Herrschenden meinen, sie können es sich nicht leisten, den Planeten zu retten, müssen wir auch bereit sein, für die Umwelt in den Erzwingungsstreik zu geben; denn es gibt keine Arbeit auf einem toten Planeten, und Umweltschutz ist Menschenschutz (Beifall).

Huu! (Heiterkeit) Wie Ihr schon merkt, gibt es viel zu tun. Am wichtigsten, um diese Aufgaben zu meistern, ist es natürlich, dass wir mehr werden. Wir müssen als Gewerkschaft größer, stärker und lauter werden. In der Mitte der Gesellschaft stehen, muss das heißen. Geht nach Hause bildet Euch und bildet Gruppen, sprecht mit den Kolleg*innen im Betrieb, vor allem auch mit den jungen.

Damit ist es jedoch nicht getan. Um mehr zu werden. brauchen wir als IG BAU auch mehr Personal. Der Umbau, der uns bevorsteht, ist so groß, dass wir ihn bei unserer momentanen Größe nicht mit dem derzeitigen Personalschlüssel schaffen können. Wir müssen an die 50 Prozent ran, die unsere Personalkosten begrenzen. Leider gibt es dahingehend auf dem heutigen OGT – oder auf dem dieswöchigen OGT – kaum einen Antrag.

Für die Zukunft fehlt jedoch nicht nur Personal. Das Personal, das wir haben, muss auch richtig eingesetzt werden. An dieser Stelle möchte ich den Bezirksvorständen und den Regionalleitenden in aller Deutlichkeit sagen: Lasst unsere Jugendbildungsreferierenden ihre Arbeit machen. Lasst sie einfach machen, und unterstützt sie, wo Ihr könnt. Es darf nie wieder passieren, dass die Vorbereitung einer Bezirksjugendkonferenz zu kurz kommt, nur weil die Regionalleitung meint, das sei nicht so wichtig. Es darf nie wieder vorkommen, dass wir der jungen BAU ihre dafür ausgebildeten und eingesetzten Kolleg*innen abziehen, nur weil die Alt-BAU der Meinung ist, es sei nicht wichtig genug. Keine Zukunft ohne Jugend, und ohne Jugendbildungsreferierende gibt es keine Jugend. Die Jugend ist weder Nebensache noch Schmuckfähnchen, sondern muss in den Mittelpunkt der Organisation rücken und gefördert werden (Beifall).

Manchen ist wichtig, dass ihre JuBiRefs möglichst viele Aufnahmen an den Berufsschulen machen. Uns ist wichtig, dass die Junge BAU gut organisiert da steht, denn ein starkes aktives Ehrenamt ist ein größerer und nachhaltigerer Multiplikator als eine Unterschrift, die nach der Ausbildung wieder austritt, weil der Beitrag steigt (Beifall).

Abschließend sage ich: Wir müssen miteinander gehen, denn nur die Solidarität macht uns stark. Also, lasst uns gegenseitig halten und unterstützen und kritisieren und diese Kritik so formulieren, dass sie uns voranbringt. Lasst uns gegenseitig ernst nehmen, denn nur dann werden wir auch außerhalb der Gewerkschaft wieder ernster genommen. Für eine vielfältige Gewerkschaft, für eine antisexistische Praxis in der IG BAU, für einen ernsthaften Umgang mit der Klimakatastrophe, für eine solidarische Arbeiterbewegung und für eine kämpferische aufgeweckte Gewerkschaft!

Vielen Dank, Leute! (Beifall)
(Jugend auf der Bühne) (Anhaltender Beifall)
Vielen Dank für Euren Applaus!