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Stürme, Dürre, Schädlinge - Personalnot im Forst gefährdet Zukunft der Wälder

Wald, Laub auf dem Boden
Der Klimawandel bedroht die Wälder - und braucht professionelle Pflege mehr denn je (Foto: Harning).
21.03.2022
Nachrichten

Trockene Sommer, Käferbefall, Stürme – Deutschlands Wälder leiden stark unter den Folgen extremer Wetterereignisse und damit des Klimawandels. Dabei kann der Wald nicht einfach sich selbst überlassen werden. Dringend notwendig sind jetzt Profis, die eine Art „erste Forst-Hilfe“ leisten.

Forstbeschäftigte werden gebraucht, um die Schäden zu beseitigen und um Wälder präventiv vor Folgeschäden zu schützen. Ohne einen massiven Personalaufbau in der Branche könnte sich die Lage in den kommenden Jahren weiter zuspitzen und damit auch den wichtigen Beitrag, den der Wald für den Klimaschutz leistet, gefährden. Davor warnt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) am Internationalen Tag des Waldes.

„Forstleute arbeiten längst am Limit. Sie müssen nicht nur die massiven Schäden der letzten Jahre beseitigen, sondern auch die klimaresistenten Wälder der Zukunft anlegen“, sagt Harald Schaum, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft und dort für die grünen Branchen zuständig. Der Umbau des Waldes – weg von Monokulturen, hin zum klimastabilen Mischwald – sei eine „Mammutaufgabe“, die sich nur mit mehr Fachkräften bewältigen lasse. Nach Einschätzung Schaums sind dafür bundesweit mindestens 11.000 Beschäftigte zusätzlich nötig. Dies entspreche einer Erhöhung des aktuellen Personalschlüssels um einen Beschäftigten pro 1.000 Hektar Wald. Insgesamt gibt es in Deutschland 11,4 Millionen Hektar Wald. „Wenn es nicht gelingt, mehr Menschen für die Arbeit im Forst zu gewinnen, kann es passieren, dass wir in einigen Regionen bald keinen Wald mehr haben, der den vielfältigen ökologischen und ökonomischen Aufgaben gerecht wird“, so Schaum.

Denn der Forst sei eine Schlüsselbranche beim Klimaschutz. „Nachhaltig angelegte Wälder kompensieren Millionen Tonnen CO2, sie regulieren die Temperatur und sind Erholungsorte für die Menschen“, betont der IG BAU-Vize. Zugleich sei Holz als klimafreundlicher Rohstoff immer stärker gefragt, etwa auf dem Bau. Gerade in Zeiten globaler Krisen könne die Forstwirtschaft einen Beitrag leisten, unabhängiger von Holzimporten – etwa aus Sibirien – zu werden. „Denn wenn eine Fichte vom Borkenkäfer befallen wird, bedeutet das nicht automatisch, dass sie für die Holzwirtschaft unbrauchbar ist. Oft lässt sich Schadholz noch nutzen – vorausgesetzt, es gibt genügend Forstwirte, die es aufarbeiten“, so Schaum.

Der Gewerkschafter verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach hat sich der Einschlag beim Schadholz in Deutschland zwischen 2017 und 2020 auf rund 60 Millionen Kubikmeter verfünffacht. Zuletzt wurden drei von vier Bäumen, die geschlagen wurden, wegen Schäden gefällt – jeder zweite davon wegen Insektenbefalls. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium sind aktuell 277.000 Hektar in Deutschland neu zu bewalden – eine Fläche größer als das Saarland.

„Die Politik hat mittlerweile den Ernst der Lage erkannt. Doch die einmalige Bundesförderung von 500 Millionen Euro, mit der Waldbesitzer seit gut einem Jahr bei der Aufforstung unterstützt werden, reicht bei weitem nicht aus“, kritisiert Schaum. Insbesondere bei den Ländern und Kommunen, denen ein Großteil der Wälder gehört, sieht die IG BAU massiven Nachholbedarf: „Die öffentliche Hand hat die Forstwirtschaft über viele Jahre kaputtgespart und Personal abgebaut. Das rächt sich jetzt.“ Die Branche habe einen besonders hohen Altersdurchschnitt. Tausende Forstwirte, Forstwirtschaftsmeister und Revierleiter würden in den nächsten Jahren aus dem Erwerbsleben scheiden, ohne dass genügend Nachwuchskräfte nachkommen, warnt Schaum.

Eine aktuelle Umfrage der IG BAU unter Forstbeschäftigten zeigt das Ausmaß des Problems: Unter 1.300 Befragten berichteten 92 Prozent von einer gestiegenen Arbeitsbelastung in den letzten Jahren. 70 Prozent gaben an, durch die Arbeit „emotional ausgelaugt“ zu sein. Fast neun von zehn Befragten waren der Ansicht, dass es im Betrieb nicht genügend Mitarbeiter gebe, um die anfallende Arbeit zu schaffen.

Schaum spricht von einem „Notruf aus dem Forst“ und ruft private Waldbesitzer, Bund, Länder und Kommunen dazu auf, sich dringend um den Personalaufbau zu kümmern. „Entscheidend ist, dass die Arbeit für Nachwuchskräfte attraktiver wird. Dazu gehören eine faire Bezahlung, Weiterbildungsmöglichkeiten und unbefristete Verträge“, so Schaum. Arbeitgeber dürften nicht zulassen, dass Azubis die Branche oft direkt nach ihrer Ausbildung wieder verließen. Gerade die Forstbetriebe der Kommunen und Länder sollten deshalb auf Attraktivität und eine Übernahmegarantie setzen. Zu begrüßen sei auch die Strategie von Bundesländern wie Hessen und Mecklenburg-Vorpommern, die Revierleitern derzeit wieder eine Verbeamtung anbieten würden.

„Jugendliche und Berufsanfänger interessieren sich besonders stark für das Klima und wollen etwas für den Umweltschutz tun. Dieses Potential sollte der Forst nutzen. Es ist wichtig, für das Klima zu demonstrieren. Aber es braucht auch Menschen, die Bäume pflanzen und Wälder pflegen“, sagt Schaum.